Sick-Building-Syndrom

Seit Mitte der 70er Jahre wird uber Beschwerden berichtet, die die Betroffenen auf einen Aufenthalt in Buros, gelegentlich auch in Schulen, Labors oder Krankenhauser zuruckflih – ren. Wenn sie die betreffenden Gebaude verlassen, dann lassen meist auch die Beschwer-
den nach. Bei emeutem Aufenthalt in den Gebauden nehmen die Symptome wieder deut – lich zu. Von Fachleuten wird diesem Beschwerdebild der Begriff ,,Sick-Building-Syndrom“ (SBS) zugeordnet [UC 10-12]. SBS ist nicht als medizinischer Fachbegriff (Syndrom: ein sich stets mit gleichen Krankheitszeichen manifestierendes Krankheitsbild) zu verstehen. Vielmehr kennzeichnet SBS einen Komplex unspezifischer Symptome, ohne dass eine ein- deutige Krankheit oder pathologische Parameter diagnostiziert werden konnen [UC 11]. Als Kriterium flir das Vorliegen eines SBS gilt, dass mindestens 20…25% der exponierten Per – sonen in einem Gebaude ilber folgende unspezifische Symptome klagen:

• Reizungen der Augen-, Nasen – und Rachenschleimhaut

• Ermudung, schwerer Kopf, Kopfschmerzen, Ubelkeit, Benommenheit

• Konzentrationsschwache

• Trockener Hals, Halsschmerzen, Husten

• Trockene Gesichtshaut, gerotetes Gesicht, Hautausschlag,

• Juckreiz und unspezifische Uberempfindlichkeit.

Im Resultat einer umfangreichen US-amerikanischen Studie, in der 529 Gebaude hinsicht – lich der SBS-Symptomatik untersucht wurden, ergab sich das in Abb. 12.3 dargestellte Ursachenspektrum [UC 11]. In etwa 50% der Falle wurde als Ursache mangelnde Liiftung, in 20-25% der Falle das Vorhandensein bestimmter Innenraumschadstoffe (s. Кар. 12.2), in 10% der Falle bestimmte AuBenluftschadstoffe und in etwa 5% der Falle Schimmelpilze, Milben, Bakterien (stammen oft aus schlecht gewarteten oder falsch dimensionierten Kli – maanlagen —» verkeimtes Befeuchterwasser, Filteriiberladung) diagnostiziert. Dazu kom – men biirotypische Expositionen wie Bildschirmtatigkeit, Larm und evtl. Passivrauchen.

image215Abbildung 12.3

Ursachenkomplex fur das Sick- Building-Syndrom (Gewichtete Daten fQr 529 US – Gebaude, [UC 11]).

Angesichts der benannten Ursachen wird das Dilemma eines eindeutigen kausalen Zusam – menhanges zwischen Ursache(n) und Wirkung deutlich. Wie sollen Effekte, die auf eine unzureichende Liiftung zuruckgehen, von denen abgetrennt werden, die auf verstarkte Emissionen – seien sie nun chemischer oder biologischer Art – zuriickzufuhren sind? Es ist auch derzeit noch ungeklart, welche Rolle psychosoziale Gesichtspunkte bei der Entstehung von SBS spielen. Es ist durchaus moglich, dass die auf die oben genannten Ursachen zu –

rtickgehenden Beschwerden durch psychischen Stress verstarkt – oder tiberhaupt erst aus – gelost werden (Mobbing am Arbeitsplatz!).

Die Zahl der in Deutschland von SBS betroffenen Menschen liegt nach vorsichtigen Schat – zungen bei 1 Million. Diese Zahl verdeutlicht die Notwendigkeit gezielter MaBnahmen, um dem Sick-Building-Syndrom vorzubeugen. Die haufigsten MaBnahmen sind standiges Ltiften in neuen oder frisch renovierten Gebauden und die Gewahrleistung einer gUnstigen Luftfeuchtigkeit. Sie sollte in „normalen44 Buroraumen zwischen 50…65%, in klimatisierten Raumen bei 70% liegen. Treten Anzeichen fur ein SBS auf, sollten die Betroffenen einen Arzt flir Umweltmedizin konsultieren. Seine Aufgabe ist es, anhand chemischer Analysen von Proben aus dem Btiro oder den Wohnraumen, aber auch anhand von Fragen zum Be – triebsklima oder zur Stimmung in der Familie einen Zusammenhang zwischen den Sym – ptomen und potentiellen Ursachen zu finden.

Das Sick-Building-Syndrom muss vom eher selten auftretenden Beschwerdebild „Building Related Illness44 (BRI) klar abgegrenzt werden, obwohl es sich in beiden Fallen um gebau – debezogene Gesundheitsstorungen handelt. Beim BRI geht es um Beschwerden, die meist nur Einzelpersonen betreffen und die auf wohlbekannte Ursachen zurtickgefuhrt werden konnen, z. B. auf Legionellen oder auf Schimmelpilze. Das SBS stellt dagegen ein kollekti – ves Phanomen dar, das auf einen ganzen Ursachenkomplex zurUckgefiihrt wird.

12 Recycling von Baustoffen